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„Überlebensmodell biologischer Landbau“

DIEPERSDORF — Für den Biobauern Sepp Braun aus Freising ist nur der Ökolandbau das Überlebensmodell. „Wenn wir die Probleme lösen wollen, wenn wir überleben wollen, dann liefert nur der Ökolandbau die Lösung zum Hochwasserschutz, zum Klimaschutz und zur Gesundheit des Menschen. Es gibt keine andere Möglichkeit“, betonte er bei einer Veranstaltung der Grünen in Diepersdorf, in der man der Frage „Ist Klimaschutz durch Ökolandbau möglich?“ nachging.

Sepp Braun war ursprünglich ein sehr erfolgreicher, konventionell wirtschaftender Landwirt. Die Arbeit in der Landjugend gab den Anstoß zum Umdenken. „Kritische junge Leute aus der KLJB haben mir damals gesagt, die Art, wie ich Landwirtschaft betreibe, sei Vergewaltigung der Natur. Sie haben mich gezwungen, nachzudenken, ob das der richtige Weg sei.“ Kontakte zu den Pionieren des biologischen Landbaus führten bei ihm zu der Erkenntnis, dass der biologische Landbau doch Perspektiven bieten kann. Sepp Braun (Jahrgang 1959) besitzt einen Hof mit 54 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche, 17 Hektar Grünland, der Rest ist Ackerland. Dazu kommen noch 6,5 Hektar Wald.

Die zwei Produktionschwerpunkte des Betriebes sind Milchviehhaltung und Ackerbau. Die Milch von durchschnittlich 22 Kühen wird auf dem Hof von einer angestellten Käserin zu verschiedenen Käsesorten verarbeitet und über die regionale Erzeuger-Verbrauchergemeinschaft „Tagwerk“ sowie zum Teil auch über Gärtner, die über Abo-Kisten ihr Gemüse absetzen, vermarktet.

Auch das Fleisch der für die Nachzucht nicht benötigten Kälber und der Altkühe wird von einem Lohnmetzger verarbeitet und selbst vermarktet. Die Ackerfläche dient, auch schon lange vor der Umstellung, der Saatgutvermehrung von Getreide sowie von Wiesen- und Ackerblumen und Gewürzkräutern. Obwohl er ein leidenschaftlicher Ackerbauer ist, hat er sehr viel von seinen Kühen gelernt. „Ich muss ihnen möglichst gutes natürliches Futter zur Verfügung stellen und ihnen möglichst viel Platz zu geben.“ Zudem sei erwiesen, dass, sobald der Kraftfuttereinsatz steige, die Gesundheit der Tiere leide und die Milchqualität schlechter werde.Mit dieser praktischen Erfahrung sind für Sepp Braun die generellen Ziele und vor allem auch die Chancen des biologischen Landbaus angesprochen: „Das Ziel muss sein, die Lebens- und Wachstumsbedingungen von Pflanze und Tier nach deren Erfordernissen auszurichten. Je besser das gelingt, umso positiver wirkt sich das auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Pflanze und Tier aus und umso störungsfreier läuft das System von selbst.“

Dass der Boden die Grundlage für die Lebensmittelerzeugung und damit Grundlage des menschlichen Lebens ist, steht außer Zweifel. Dass es für das menschliche Überleben hierbei aber auf die Art, wie man ihn bewirtschaftet und nutzt, entscheidend ankommt, ist noch relativ wenig bewusst und die Botschaft von Sepp Braun. Leidenschaftlich doziert er über den Boden und seine Erfahrungen im Umgang mit ihm. Sepp Braun sieht den Boden als Gesundheitsquelle. Das milliardenfache Leben in einem gesunden Boden ist in der Lage, Krankheitserreger bei Pflanzen, Tieren und damit auch solche, die für den Menschen gefährlich sein können, abzutöten. Ein reiches Bodenleben sorgt nicht nur für eine harmonischere Ernährung der Pflanze,sondern versorgt die Pflanze auch mit Wirkstoffen, die in der Lage sind, die Pflanze gesund zu erhalten.

Die Sicherung einer guten Humusversorgung des Bodens ist arbeitsaufwändiger als künstliche Dünung. „Sie bedingt eine mehrseitige Wirtschaftsweise mit Mistproduktion oder zumindest die Bereitstellung von Flächen für die Gründdüngung bzw. einer Produktion von viel Wurzelmasse mit dem Anbau dementsprechender Pflanzen.“ Die Erfolge können sich sehen lassen: Der Humusgehalt auf seinen Böden liegt im Vergleich mit konventionell geführten Betrieben mit der gleichen Bodensituation zum Teil dreifach höher. „Je mehr wir es schaffen, die Sonnenenergie anzuzapfen, umso mehr bringen wir Sonnenenergie über die Wurzeln zum Humusaufbau in den Boden. Wir brauchen im Prinzip Systeme wie naturgemäßen Waldbau, das heißt, wo der Boden das ganze Jahr bedeckt ist, also wirklich das ganze Jahr und am besten als mehrstufiger Bestand.“

Der Querdenker will die Idee der „Agro-Forst-Systeme“ ab Herbst umsetzen: Forst- und Ackerkulturen auf einer Fläche.

Seine Erkenntnis: In den Flächen haben wir das Kapital, das Know-how, dass wir über die Sonnenenergie soviel Energie sowie CO2 zurückbinden, dass wir Bauern den Klimawandel aufhalten können.

Für den lockeren Boden als Lebens- und Wachstumsraum für die Pflanzenwurzeln hat Braun seine eigene Philosophie und auch ganz besondere Helfer: Regenwürmer. Seine Böden mögen sie besonders: 300 pro Quadratmeter wurden gezählt, in Bayern sind es im Durchschnitt 16. „Wenn ich das schaffe, dass die Regenwürmer den Boden lockern, gleichzeitig die Pflanzen den Boden stabil halten und ich keine schwere Technik mehr am Acker zulasse, dann geht es.“ Aus diesen Gründen arbeitet er mit leichteren Maschinen, die zusätzlich so bereift sind, dass der Bodendruck so gering wie möglich ist und damit keine Schäden mehr verursacht werden.

Eine Untersuchung von drei deutschen Bodenwissenschaftlern habe ergeben, dass Ackerböden zum Teil mit Achsbelastungen befahren werden, die auf Straßen nicht zugelassen sind. Sepp Braun meint dazu: „Schon die Begrenzung der Achsbelastung auf fünf Tonnen würde bedeuten, dass der größte Schlepper bei 80 bis 90 PS liegen müsste, der größte Mähdrescher bei 2,50 m Schnittbreite, das Güllefass bei 4000 l. Das wären Größen, bei denen eine bäuerliche Landwirtschaft wieder mithalten könnte. Denn dann müssten 1000 ha-Betriebe auf kleinere Maschinen umstellen. Dann hätten sie gegenüber kleineren Betrieben keinen Technisierungsvorteil mehr.“ Als Wasserspeicher und Wasserrückhaltebecken kommt dem Boden eine entscheidende Aufgabe zu. Er muss das ungleichmäßige Wasserangebot des Regens in ein möglichst gleichmäßiges für die Pflanze umwandeln und vor allem auch bei starken Regenfällen in kurzer Zeit ein spontanes Abfließen verhindern. „Den Boden in die Fähigkeit zu versetzen, diese Aufgabe optimal wahrzunehmen, ist Aufgabe des Bauern, und damit verbunden die Kunst einer guten Landwirtschaft.“

Die weit verbreitete Humusarmut vieler Böden führe aber dazu, dass sie allein schon deswegen nur eine geringe Wasserspeicherkraft besitzen. Die Folgen von Trockenheitsschäden nehmen dadurch zu. Humus ist wie ein Schwamm. Er kann daher in kurzer Zeit sehr viel Wasser binden. Hauptsächlich durch schwere Maschinen verursachte Bodenverdichtungen führen weiter dazu, dass das Wasser nicht in den Untergrund abfließen kann und daher oberflächlich abrinnt.

Sepp Braun hat auch hier eine Lösung: „Wenn in Deutschland der Mais durch Kleegras ersetzt werden würde, könnte sich durch das Kleegras über die Bodenruhe der Regenwurmbesatz deutlich erhöhen und über denselben die Wasserspeicherkraft unserer Böden verbessert werden.“

Lebendiger Boden könne innerhalb einer Stunde 150 Liter pro Quadratmeter aufnehmen. „Diese Hochwasser, die wir heute haben, würde es bei lebendigen Böden nicht geben.“ Für Sepp Braun ist es eine Tatsache, dass der biologische Landbau eine führende Aufgabe und damit auch Verantwortung im Klimaschutz übernehmen könnte und müsste. „Das Pflanzenwachstum beruht auf der Photosynthese und damit auf der Aufnahme von CO2. Die Pflanzen sind somit die nutzbaren Verwerter des Kohlenstoffs. Kohle und Erdöl sind in Jahrmillionen in Pflanzen gespeicherte Sonnenergie. Für den Humus gilt dasselbe. Unser Klimaproblem ist der hohe Ausstoß von Kohlenstoff. Die wichtigste Maßnahme, diesen Kohlenstoff so gut und so rasch wie möglich mit Hilfe der Photosynthese wieder zu binden, ist die Produktion von möglichst viel Pflanzenmasse und deren Konservierung in Form des Humus.“

Auf konventionellen Ackerböden werden im Jahr etwa 20 bis 25 Doppelzentner Wurzeltrockenmasse gebildet. Auf den Ackerflächen der Ökolandwirte sind es bis zu 80 Doppelzentner. Nach einer Hochrechnung könnte man bei einem 100prozentigen Ökolandbau auf der Welt mit der Wurzelmassebildung in der genannten Höhe das überschüssige CO2 binden und damit den Klimawandel aufhalten.

Kritik übt er an der Tatsache, dass in der Landwirtschaft die Natur vielfach nur als Produktionsfaktor und als Produktionsmittel gesehen wird.

„Ich sehe die Natur als Partner. Je mehr ich dem Partner gebe, umso mehr bekomme ich auch zurück.“ In seinen Führungen und Vorträgen versuche er deutlich zu machen, „dass wir einfach eine Form der Landwirtschaft finden müssen, die sich an den Gesetzmäßigkeiten der Natur orientiert, die wieder eine Partnerschaft mit der Natur eingeht. Wenn wir die Vernetzung zwischen Mensch und Natur nicht schaffen, wird eine solche Gesellschaft nicht überleben. Da ist der biologische Landbau das Überlebensmodell.“

Pressebericht „Der Bote“ vom 14./15. April 2007

Lorenz Märtl