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Vorreiter auch in bayerischer Streitkultur

-Ex-Minister Jürgen Trittin feierte mit Kreis-Grünen in Eschenbach ihren 25. Geburtstag-

ESCHENBACH (gz) – Der grüne Kreisverband feierte seinen 25. Geburtstag im einstigen Gründungslokal „Grüner Schwan“ in Eschenbach: mit dem früheren Umweltbundesminister Jürgen Trittin – und mit CSU-Landratskandidat Norbert Dünkel. Beide Gäste hatten viel Lob für die Kreisgrünen im Gepäck.

Landrat Helmut Reich hatte keine Zeit, sein Stellvertreter Dünkel, derzeit auch Wahlkämpfer in eigener Sache, kam gern und begrüßte die Geburtstagskinder als „Liebe Freunde“.

Dünkel pries die gute Zusammenarbeit im Bezirk mit seinen grünen Kollegen Paul Brunner („Er bringt einen zum Schmunzeln und Nachdenken“) und Birgit Raab „Wir haben ein liebenswürdiges Verhältnis“).

Der ebenfalls anwesenden Gleichstellungsbeauftragten im Landratsam Jutta Berlinghof bescheinigte der Landrats-Vize „neue Ideen“ und beispielhaften Erfolg beim Bündnis für Familie. Mit der Förderung regenerativer Energien, dem Erhalt von Buslinien in der Fläche, Radwegebau und Regionalvermarktung sehe er als CSU-Mann viele gemeinsame Themen mit den Grünen.

Nur um die Ausweisung von Bauflächen „balge“ man sich alle paar Monate mal. Aber auch hier sei die Auseinandersetzung „auf beiden Seiten von Verantwortungsbewusstsein geprägt“. Bei den gut 80 versammelten Grünen spürte Dünkel „den Zusammenhalt“ und wünschte, „dass es weiter aufwärts geht — es muss ja nicht in Prozent sein”.

Mehr als 20 Jahre zurückliegend schienen da die Zeiten, die Siegrid Ederer für den Kreisvorstand in Erinnerung rief: Im Kreistag von 1984 Elisabeth Altmann als einzige grüne Frau (Mitstreiter Friedrich Sprenger war kurz nach der Wahl zur SPD gewechselt) gegen 65 Männer, die sie als „Pyromanen“ beschimpfte, weil diese sich für Müllverbrennung statt Müllvermeidung erwärmten.

Weit zurück auch die eigenen Anfänge des Kreisverbandes, wo die Kassiere reihenweise verschlissen wurden und auch mal ein Vorstand gleich nach der Wahl wieder von der Fahne ging.

Ederer dankte weiteren engagierten Einzelkämpfern der ersten Stunde: dem damals ältesten Mitglied Gotthold Mergner, Rita Bogner aus Feucht, Gabi Beer aus Schwarzenbruck, Inge Jablonski aus Hersbruck, Irmi Hüppauf aus Lauf, Hartmut Grempel aus Altdorf und Bernhard Blaurock aus Burgthann.

Der heuer verstorbene Nürnberger Grüne Bernhard Kölbl (später im Nürnberger Land für die Krankenhaus GmbH tätig) hatte beim Gründen am Land geholfen.

Nach 25 Jahren sah Ederer eine Reihe grüner Erfolge für den Landkreis: von der Abfallentsorgung und alternativen Energien über Landschaftsschutz, sanften Tourismus und Radwegebau bis zur Stärkung der Gleichstellungsbeauftragten und der „Demokratisierung der Kommunalparlamente“.

Der Kreisverband hat heute neun Ortsverbände, 15 Gemeinderäte, sechs Kreisräte und einen Bezirksrat.

Die Verankerung in den Kommunen sah Ex-Bundesverbraucherminister Jürgen Trittin auch als das stabiles Fundament, das den Grünen nach ihrem Rauswurf aus dem Bundestag bei der Wahl 1990 (nach dem Ende der DDR) vier Jahre später die Rückkehr nach Berlin und die Regierungsbeteiligung ermöglichte.

Die Abwatschung des grünen Bundesvorstands in Sachen Afghanistan-Einsatz beim Sonderparteitag münzte Trittin ins erfolgreiche basisdemokratische grüne Prinzip um. Ansonsten konzentrierte er sich in der grünen Erfolgsbilanz aufs Innenpolitische. Beim Flaschenpfand habe er „mit den bayerischen Kleinbrauereien gegen die preußischen Großabfüller gekämpft“.

Die Verhinderung des bayerischen Atommüll-Endlagers in Wackersdorf sei der Anfang vom Ende der Atomkraft in Deutschland gewesen, den die Grünen in ihrer Regierungszeit vertraglich festklopfen konnten.

Beim Thema Klimaschutz fand Trittin sogar lobende Worte für CDU-Kanzlerin Angela Merkel, die sich an den Zielen der rotgrünen Vorgänger orientiere, wenn auch nicht mit genügendem Nachdruck. Daher sei ihm auch nicht bange, dass den Grünen die Themen ausgingen: „Wir stellen uns dem Wettbewerb der anderen Parteien“, rief der Ex-Minister in den Saal und lobte die grüne Konsequenz bei den Umweltthemen: „Wir sind das Nokia der Umweltpolitik.“

Vorreiter blieben die Grünen auch bei der Gleichstellung der Geschlechter. Während die grüne Frauenquote (mindestens 50 Prozent bei Posten und Wahllisten) in der Anfangszeit von konservativen Kritikern noch als verfassungsfeindlich gebrandmarkt wurde, seien die anderen Parteien dem Beispiel inzwischen gefolgt.

Selbst die CSU bemühe sich um mehr Frauen. Auch das Streiten scheinten die Christsozialen in Bayern von den Grünen zu lernen, meinte Trittin süffisant mit Blick auf die bevorstehende Wahl des CSU-Landesvorsitzenden — was Norbert Dünkel aber mit einem scherzhaften „Nur noch zwei Wochen!“ konterte.

Pressebericht der Pegnitz-Zeitung vom 20. September 2007